Lazarus von Betanien

Die Gestalt des auferweckten Lazarus hat einerseits ausgeprägte Legenden begründet. Seine Gebeine sollen in Autun liegen. Lazarus ist weiterhin der Patron der Metzger, der Totengräber, Bettler, Aussätzigen und der Leprosenhäuser, wobei Elemente beider Figuren aufgenommen wurden. Nach dem auferweckten Lazarus wurden der Lazarus-Effekt (Wiederauffindung von Tierarten, die als ausgestorben galten) und das Lazarus-Phänomen (in der Medizin das Phänomen einer scheinbaren Auferstehung) benannt. Der Lazarus-Orden (Militärischer und Hospitalischer Orden des Heiligen Lazarus von Jerusalem) geht vermutlich auf die Figur des „armen Lazarus“ zurück. Aus der hospitalischen Tätigkeit des Lazarus-Ordens leitet sich auch der Begriff des Lazaretts ab.

Namensherkunft
Der Name Lazarus ist die lateinische Form des griechischen Wortes Lazaros, das auf den hebräischen Namen אֶלְעָזָר (Elʿazar, „Gott hat geholfen“) zurückgeht. Bekannte biblische Namensträger sind der dritte Sohn Aarons (Ex 6,23) als des Stammvaters der israelitischen Priesterschaft und der Sohn Abinadabs (1 Sam 7,1) als Hüter der Bundeslade. Der hebräische Name kommt in der Tora auch in der Form אֱלִיעֶ֑זֶר vor (Eliʿezer, „Mein Gott hat geholfen“). So heißen vor allem der Knecht Abrahams, der im Fall von Kinderlosigkeit dessen Erbe antreten soll (Gen 15,2) und der Sohn des Mose (Ex 18,4), bei dessen Erwähnung auch die Etymologie des Namens erfolgt.

Lazarus in der Bibel
Johannesevangelium
Nach dem Johannesevangelium (Joh 11,1–45) sind Lazarus und seine Schwestern Martha und Maria besondere Freunde Jesu. Nachdem dieser in Abwesenheit von der Krankheit des Lazarus erfährt, bleibt er noch zwei Tage im Norden Israels in der Nähe des Sees Genezareth und reist dann nach Bethanien, das in der Nähe Jerusalems liegt (Joh 11,1. Lazarus ist in der Zwischenzeit gestorben und bei der Ankunft Jesu bereits seit vier Tagen in einer Höhle beigesetzt. Jesus lässt den Stein vom Grab wegwälzen. Auf den Zuruf Jesu „Lazarus, komm heraus!“ verlässt dieser – noch mit den Grabtüchern umwickelt – lebendig das Grab (Joh 11,41–44).
Die Tat Jesu steht im Johannesevangelium dramaturgisch am Beginn der Passion Jesu und gilt daher als Zeichen (griech. σημεῖον semeion) für die spätere Auferweckung Jesu selbst (Joh 11,47). Hier wie dort erscheint Gott als der eigentlich Wirkende (Joh 11,40–41).
Dieselbe Geschichte wird – wesentlich erweitert – auch im apokryphen Geheimen Markus-Evangelium erzählt.

Lukasevangelium
Von einem anderen Lazarus spricht das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31). Der kranke und arme Lazarus liegt vor der Tür eines reichen Mannes und begehrt nur die Brocken, die von dessen reicher Tafel herabfallen, während Hunde seine Geschwüre lecken. Nachdem beide Männer gestorben sind, kommt der Reiche in die Unterwelt („Hades“) und sieht von dort den Lazarus „in Abrahams Schoß“ gebettet. Der Reiche bittet Abraham, den Lazarus zu ihm zu schicken, um ihm seine Qualen zu erleichtern. Dies verweigert Abraham mit dem Hinweis, der Reiche habe seinen Anteil am guten Leben bereits im Diesseits erhalten. Auch die Bitte des Reichen, den Lazarus zu seinen Hinterbliebenen zu senden, um sie vor den Folgen eines üppigen Lebens zu warnen, wird von Abraham abgelehnt unter Hinweis auf die Weisungen der Tora und der zusätzlichen Begründung: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht“ (Lk 16,31).

Lazarus in Legenden
Die Erzählung vom auferweckten Lazarus hat eine Reihe von Legenden geprägt:
Tod des Auferweckten
Einige Legenden lassen den auferweckten Lazarus unter Kaiser Claudius, der das römische Reich von 41 bis 54 n. Chr. regierte, friedlich entschlafen, während andere Legenden erzählen, dass Lazarus unter Domitian, der von 81 bis 96 n. Chr. regierte, bedroht wurde. Dieser soll ihn vergeblich zum heidnischen Opfer aufgefordert haben. Nach Lazarus Widersetzung ließ Domitian ihn demnach in den Kerker werfen. Dort sei ihm Christus erschienen und habe ihn ermutigt. Danach sei Lazarus enthauptet worden.

Lazarus als Bischof
Nach einer weiteren Legende war die zweite Heimat von Lazarus das Königreich Kition mit seiner Residenz-Hauptstadt Larnaka auf Zypern. Lazarus war demnach der erste Bischof von Larnaka, eingesetzt von Paulus und Barnabas, als diese Zypern bereisten. Im Jahre 890 unter der Herrschaft Kaiser Leos VI. soll in Larnaca ein Sarkophag mit der Aufschrift „Lazarus, der Freund Christi“ gefunden worden sein. Über der Fundstelle wurde eine Lazarus geweihte Kirche errichtet, heute die Hauptkirche von Larnaca. Der Sarkophag in der Krypta dieser Kirche ist jedoch inzwischen leer. Die Gebeine wurden bald nach ihrer Entdeckung nach Byzanz – dem heutigen Istanbul – gebracht. Von dort wurden sie durch Kreuzfahrer im Jahr 1204 nach Marseille verschleppt. Darauf beruhen die Legenden von Lazarus als Bischof von Marseille. Nach einer dieser Legenden, die aus dem Hochmittelalter stammt, war Lazarus ein Herzogssohn, der auf alle Eitelkeit der Welt verzichtete. Er wurde von Juden zusammen mit seinen Schwestern und mit seinen Freunden Maximin und Cedonius auf einem Schiff ohne Ruder und Segel auf dem Meer ausgesetzt. Dieses Schiff landete in Marseille, wo Lazarus zum Bischof gewählt wurde.

Todesstätte
Spätestens seit dem ersten Drittel des 4. Jahrhunderts war in Bethanien ein Lazarus-Grab bekannt. So schreibt der Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea im Jahr 330:
„Da hat Christus den Lazarus auferweckt. Bis jetzt wird noch die Stelle des Lazarus gezeigt.“
An dem genannten Ort soll Lazarus die vier Tage bis zu seiner Auferstehung gelegen haben. Nach dem Zeugnis des Hieronymus scheint dort um 390 eine kurz zuvor erbaute Kirche gestanden haben. Dieser Ort Bethanien wurde später nach Lazarus „Lazarion“ genannt. Der Ort heißt heute arabisch El-Azarjeh und liegt in Palästina. Das „L“ aus Lazarus wurde dabei offenbar als Artikel el missverstanden und ein Personenname el-‘azar gebildet. Der Ortsname bewahrt jedenfalls den Namen Lazarus. Am Samstag vor Palmsonntag findet jährlich eine Prozession von Jerusalem nach Bethanien statt; auch in Frankreich, Spanien und Italien wurde sein Fest früher am Palmsonntag begangen.

Gedenktage
• katholisch: 29. Juli (bis zur Reform des Heiligenkalenders war dies der 17. Dezember)
• in Autun: Enthüllung der Gebeine: 20. Oktober
• anglikanisch: 29. Juli
• orthodox: Samstag vor Palmsonntag

Quelle: Heiligen Lexikon, Wikipedia

 

Lazarus Orden

Regeln des Augustinus

Da der Orden des heiligen Lazarus nach den Regeln des heiligen Augustinus lebte, Einführung erfolgte 1213, päpstliche Bestätigung 1255, findet Ihr sie hier in einer modernen Fassung:

Entnommen aus und Copyright by http://www.augustiner.de 

Inhaltsverzeichnis

 

1. Kapitel Das Grundideal: Liebe und Gemeinschaft
2. Kapitel Gebet und Gemeinschaft
3. Kapitel Die gemeinsame Sorge für das leibliche Wohl
4. Kapitel Die gemeinsame Verantwortung füreinander
5. Kapitel Der Erweis von Diensten untereinander
6. Kapitel Die Beilegung von Konflikten aus dem Geist der Liebe
7. Kapitel Amtsführung und gehorsames Dienen
8. Kapitel Ermahnung zum Schluss

 

1. Kapitel

 

1 Euch, die ihr eine Klostergemeinschaft bildet, tragen wir auf, folgendes in eurem Leben zu verwirklichen:

2 Zu allererst sollt ihr einmütig zusammenwohnend, wie ein Herz und eine Seele auf dem Weg zu Gott sein. Denn war das nicht der entscheidende Grund, weshalb ihr euch zum gemeinsamen Leben entschlossen habt?

3 Bei euch darf von persönlichem Eigentum keine Rede sein. Sorgt im Gegenteil dafür, dass euch alles gemeinsam gehört. Euer Oberer soll jeden mit Nahrung und Kleidung versorgen. Nicht, dass er jedem Einzelnen gleich viel geben müsste, denn im Hinblick auf die Gesundheit seid ihr nicht alle gleich, vielmehr soll jedem Bruder gegeben werden, was er persönlich nötig hat. So lest ihr ja in der Apostelgeschichte: „Sie hatten alles gemeinsam, und jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte.“

4 Die in der Welt etwas besaßen, als sie ins Kloster eingetreten sind, sollen Wert darauf legen, dass dies der Gemeinschaft übertragen wird.

5 Die aber nichts besaßen, sollen im Kloster nicht das suchen, was sie sich draußen auch nicht leisten konnten. Dennoch soll man ihrer Mittellosigkeit entgegenkommen und ihnen alles geben, was sie nötig haben, selbst wenn sie zuvor so arm waren, dass sie nicht einmal über das Allernotwendigste verfügen konnten. Sie dürfen sich aber nicht schon deshalb glücklich schätzen, weil sie jetzt Nahrung und Kleidung bekommen, und das in einem Maß, wie sie es draußen nicht hätten erreichen können.

6 Sie dürfen sich ebensowenig etwas darauf einbilden, dass sie jetzt mit solchen Menschen Umgang pflegen, denen sie sich früher nicht zu nähern wagten. Vielmehr soll ihr Herz nach Höherem streben und nicht nach irdischem Schein. Wenn sich in den Klöstern reiche Menschen demütigten, arme hingegen stolz würden, dann wären die Klöster nur für die Reichen von Nutzen, nicht aber für die Armen.

7 Andererseits dürfen jene, die in der Welt etwas zu sein schienen, nicht verächtlich auf ihre Brüder herabsehen, die aus ärmlichen Verhältnissen in diese heilige Gemeinschaft eingetreten sind. Sie sollen viel stärker darauf bedacht sein, sich des Zusammenlebens mit diesen armen Brüdern zu rühmen als der gesellschaftlichen Stellung ihrer reichen Eltern. Auch dürfen sie nicht überheblich werden, wenn sie einen Teil ihres Vermögens der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt haben. Sonst könnten sie dem Hochmut eher zum Opfer fallen, wenn sie der Gemeinschaft Anteil an ihrem Reichtum gewähren, als wenn sie ihn selber in der Welt genießen würden. Denn während jede andere Fehlhaltung ihren Ausdruck nur in bösen Taten findet, trachtet der Hochmut darüber hinaus auch nach den guten Werken, um sie zunichte zu machen. Und welchen Sinn hätte es, sein Vermögen an die Armen zu verteilen und selbst arm zu werden, wenn das Wegschenken des Reichtums einen Menschen noch hochmütiger machen würde als der Besitz eines großen Vermögens?

8 Lebt also alle wie ein Herz und eine Seele zusammen und ehrt gegenseitig in euch Gott; denn jeder von euch ist sein Tempel geworden.

 

2. Kapitel

  

1 Lasst nicht nach im Beten zu den festgesetzten Stunden und Zeiten.

2 Der Gebetsraum darf zu nichts anderem gebraucht werden als wozu er bestimmt ist; denn er trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Dann können jene, die vielleicht auch außerhalb der festgesetzten Stunden beten wollen, dort in ihrer freien Zeit im Gebet verweilen, ohne von irgendeinem gestört zu werden, der meint, dort etwas anderes tun zu müssen.

3 Wenn ihr in Psalmen und Liedern zu Gott betet, dann sollen die Worte, die ihr aussprecht, auch in eurem Herzen lebendig sein.

4 Haltet euch beim Singen an den Text, und singt nicht, was nicht zum Singen bestimmt ist.

 

3. Kapitel

 

 

1 Bezwingt euren Leib durch Fasten und Enthaltung von Speise und Trank, soweit es eure Gesundheit zulässt. Wer es nicht ohne Nahrung bis zur Hauptmahlzeit, die gegen Abend eingenommen wird, aushalten kann, darf vorher etwas essen und trinken, jedoch nur zur Stunde der sonst üblichen Mittagsmahlzeit. Wer aber krank ist, darf jederzeit etwas zu sich nehmen.

2 Hört vom Beginn bis zum Ende der Mahlzeit aufmerksam der üblichen Lesung zu, ohne euch dabei lauthals zu äußern oder gegen die Worte der Heiligen Schrift zu protestieren. Denn ihr sollt nicht nur mit dem Mund euren Hunger stillen, sondern auch eure Ohren sollen hungern nach dem Wort Gottes.

3 Einige haben als Folge ihrer früheren Lebensgewohnheit eine schwächliche Gesundheit. Wenn für sie bei Tisch eine Ausnahme gemacht wird, dürfen die Übrigen, die aufgrund anderer Lebensgewohnheiten kräftiger sind, dies nicht übelnehmen oder gar als ungerecht empfinden. Auch sollen sie nicht meinen, dass jene glücklicher sind, bloß weil sie bessere Speisen erhalten als die Übrigen. Sie sollen vielmehr froh sein, dass sie selber fertigbringen, wozu jenen die Kraft fehlt.

4 Einige waren vor ihrem Klostereintritt eine üppigere Lebensführung gewohnt und erhalten deswegen etwas mehr an Speise und Kleidung, ein besseres Bett oder zusätzliche Bettdecken. Die anderen, die kräftiger und somit glücklicher sind, bekommen dies nicht. Aber bedenkt dabei wohl, wieviel diese Brüder jetzt im Vergleich zu ihren früheren Lebensbedingungen entbehren müssen, selbst wenn sie nicht dieselbe Anspruchslosigkeit aufbringen können wie jene, die vom Leib her kräftiger sind. Nicht alle müssen das haben wollen, was sie andere zusätzlich bekommen sehen. Das geschieht ja nicht, um jemanden zu bevorzugen, sondern allein aus Rücksichtnahme. Andernfalls würde sich im Kloster der widersinnige Missstand ergeben, dass jene, die aus armen Verhältnissen kommen, ein verweichlichtes Leben führen, während die aus reichen Verhältnissen Stammenden alle möglichen Anstrengungen auf sich zu nehmen hätten.

5 Kranke müssen selbstverständlich eine der Krankheit angepasste leichte Kost bekommen; andernfalls würde man die Krankheit verschlimmern. Sobald aber die Besserung eintritt, sollen sie mit kräftiger Nahrung versorgt werden, damit sie sich so schnell wie möglich erholen, selbst wenn sie vor ihrem Klostereintritt zur ärmsten Schicht der Gesellschaft gehörten. Während der Genesungszeit sollen sie dasselbe erhalten, was den Reichen aufgrund ihrer früheren Lebensgewohnheit zugestanden wird. Sobald sie aber wieder zu Kräften gekommen sind, sollen sie von neuem anfangen, so zu leben wie früher, als sie glücklicher waren, weil sie weniger nötig hatten. Je schlichter die Lebensführung ist, desto besser passt sie zu den Dienern Gottes! – Wenn ein Kranker genesen ist, soll er sich in Acht nehmen, dass er nicht zum Sklaven der eigenen Behaglichkeit wird. Er muss auf die Vorrechte verzichten lernen, die seine Krankheit mit sich brachte. Diejenigen, die zu einem anspruchslosen Lebensstil am ehesten bereit sind, sollen sich für die reichsten Menschen halten. Denn es ist besser, wenig nötig zu haben als viel zu besitzen.

 

4. Kapitel

 

1 Seid nicht aufwändig gekleidet. Sucht nicht, durch eure Kleidung Gefallen zu erwecken, sondern durch eure Lebensführung.

2 Wenn ihr ausgeht, dann macht euch gemeinsam auf den Weg, und wenn ihr an den Ort gekommen seid, wo ihr hingehen wolltet, dann bleibt zusammen.

3 Euer Gehen und Stehen, euer ganzes Verhalten darf bei niemandem Anstoß erregen, sondern muss mit eurem heiligen Lebensstand in Einklang stehen.

4 Wenn ihr eine Frau seht, lasst euren Blick nicht lüstern auf ihr ruhen. Wenn ihr ausgeht, kann euch natürlich niemand verwehren, Frauen zu sehen, wohl aber ist es schuldhaft, eine Frau sexuell zu begehren oder von ihr begehrt werden zu wollen. Denn nicht nur die Gebärden der Zuneigung, sondern auch die Augen erregen in Mann und Frau die Begierde zueinander. Behauptet also nicht, euer Herz sei rein, wenn eure Augen unrein sind, denn das Auge ist der Bote des Herzens. Und wenn man sich gegenseitig seine unkeuschen Absichten zu erkennen gibt, auch ohne Worte, nur indem man nach der anderen Ausschau hält, und wenn man an der zueinander entbrannten Leidenschaft Gefallen findet, dann ist – selbst wenn man sich nicht in den Armen liegt – von der echten Reinheit, nämlich der Reinheit des Herzens, schon keine Rede mehr.

5 Übrigens: Wer seine Augen nicht von einer Frau lösen kann und gern ihre Aufmerksamkeit auf sich lenkt, soll nicht meinen, dass andere dies nicht wahrnehmen. Natürlich beobachten sie es, selbst Menschen, von denen ihr es nicht vermutet, sehen es. Aber selbst wenn es verborgen bliebe und von keinem Menschen bemerkt würde, wie willst du dich Gott gegenüber verhalten, der das Herz eines jeden prüft und dem nichts verborgen bleiben kann? Oder sollte jemand etwa annehmen: Der Herr wird es mir nachsehen, weil Gott ja in dem gleichen Maße, wie seine Weisheit die der Menschen übersteigt, auch mehr Geduld mit den Menschen aufbringt. Ein Gottgeweihter soll sich hüten, Gottes Liebe zu enttäuschen. Um dieser Liebe willen soll er keine sündhafte Liebe zu einer Frau unterhalten. Wer bedenkt, dass Gott alles sieht, wird keine Frau in sündhafter Absicht anschauen wollen. Denn durch das Wort der Schrift „Der Herr verabscheut ein lüsternes Auge wird uns gerade in diesem Punkt Ehrfurcht vor seinem Willen ans Herz gelegt.

6 Wenn ihr also in der Kirche zusammen seid oder überall sonst, wo ihr auch mit Frauen zusammenkommt, dann fühlt euch gegenseitig für eure Reinheit verantwortlich. Dann wird Gott, der in eurer Gemeinschaft wohnt, euch durch eure Verantwortlichkeit füreinander beschützen.

7 Wenn ihr nun diesen lüsternen Blick, von dem ich spreche, bei einem Mitbruder bemerkt, dann ermahnt ihn sogleich, damit er sein Verhalten so schnell wie möglich bessert und das schon begonnene Unheil nicht noch schlimmer wird.

8 Sieht man aber nach einer solchen Ermahnung oder auch sonst, dass dieser Bruder doch wieder dasselbe tut, dann soll jeder, der das merkt, sein Herz als verwundet betrachten und um Heilung bemüht sein. Es steht dann niemandem mehr frei zu schweigen. Aber zunächst sollst du nur ein oder zwei weitere Personen darauf aufmerksam machen, damit dieser Bruder durch die Aussage von Zweien oder Dreien von seinem Fehler überzeugt werden kann und mit angemessener Strenge zur Ordnung gerufen wird. Du darfst nicht meinen, dass du böswillig handelst, wenn du das tust. Im Gegenteil: Du lädst Schuld auf dich, wenn du deine Brüder durch dein Stillschweigen ihrem Untergang entgegengehen lässt, während du sie doch auf den guten Weg zurückführen kannst, sobald du offenbarst, was du weißt. Nimm zum Beispiel an, dein Bruder hätte an seinem Leib eine Wunde und wollte sie aus Angst vor einem ärztlichen Eingriff verbergen. Wäre es nicht herzlos von dir, darüber zu schweigen? Und würde es demgegenüber nicht von Mitgefühl zeugen, dies bekanntzumachen? Um wieviel größer ist dann aber deine Pflicht, den Zustand deines Bruders offenzulegen, wenn du dadurch verhindern kannst, dass das Böse sein Herz weiter angreift; und das wäre viel schlimmer.

9 Will er nicht auf deine Ermahnung hören, dann soll man zunächst den Oberen zu einem Gespräch unter vier Augen hinzurufen, um dadurch die anderen noch herauszuhalten. Bessert er sich daraufhin noch nicht, dann darfst du andere hinzuziehen, um diesen Bruder von seinem Fehlverhalten zu überzeugen. Wenn er weiterhin bestreitet, soll man ohne sein Wissen weitere Personen verständigen, um ihn in Gegenwart aller durch die Aussage von mehreren auf sein Fehlverhalten hinweisen zu können, weil ja zwei oder drei eher jemanden überzeugen können als einer allein. Ist seine Schuld einmal erwiesen, dann soll der Obere oder der Priester, unter dessen Zuständigkeit das Kloster fällt, urteilen, welche Strafe er zur Besserung auf sich zu nehmen hat. Wenn er es ablehnt, sich dieser Strafe zu unterziehen, soll er aus eurer Gemeinschaft entlassen werden, auch wenn er selbst nicht austreten möchte. Auch dies geschieht nicht aus Herzlosigkeit, sondern aus Liebe. Denn dadurch beugt man vor, dass er andere durch seinen schlechten Einfluss ansteckt und ins Verderben zieht.

10 Was ich über die lüsterne Begierde gesagt habe, gilt in entsprechender Weise bei allen anderen Fehlern. Folgt derselben Verfahrensordnung gewissenhaft und treu beim Aufdecken, Verhindern, Ans-Licht-Bringen, Beweisen und Bestrafen anderer Sünden, und zwar mit Liebe gegenüber den betreffenden Menschen, aber mit Abkehr von ihren Fehlern.

11 Wenn ein Bruder spontan eingesteht, dass er schon so weit auf dem verkehrten Weg fortgeschritten ist, dass er im Geheimen von einer Frau Briefe empfängt oder Geschenke annimmt, dann soll man ihn schonend behandeln und für ihn beten. Wird er aber auf frischer Tat ertappt und für schuldig befunden, dann soll er nach dem Urteil des Priesters oder des Oberen zu seiner Besserung hart bestraft werden.

 

 

5. Kapitel

 

1 Der Herr gebe, dass ihr, ergriffen vom Verlangen nach geistlicher Schönheit, dies alles mit Liebe befolgt. Lebt so, dass ihr durch euer Leben den lebensweckenden Wohlgeruch Christi verbreitet. Lebt nicht als Sklaven, niedergebeugt unter dem Gesetz, sondern als freie Menschen unter der Gnade.

2 Einmal pro Woche soll diese Regel vorgelesen werden. Sie ist wie ein Spiegel: Ihr könnt darin sehen, ob ihr etwas vernachlässigt oder vergesst. Wenn ihr findet, dass ihr dem entsprecht, was darin steht, dann dankt dem Herrn, dem Spender alles Guten. Bemerkt einer aber, dass er hinter dem zurückgeblieben ist, was hier verlangt wird, dann soll er bereuen, was geschehen ist, und in Zukunft auf der Hut sein. Er bete: Vergib mir meine Schuld und führe mich nicht in Versuchung.

 

 

 

6. Kapitel

 

1 Gehorcht eurem Oberen so wie einem Vater, aber auch mit dem gebührenden Respekt, der ihm aufgrund seines Amtes zusteht; andernfalls verfehlt ihr euch gegen Gott in ihm. Das gilt noch mehr für euer Verhalten gegenüber dem Priester, der für euch alle die Verantwortung trägt.

2 Es ist in erster Linie Aufgabe des Oberen, dafür zu sorgen, dass man alles, was hier gesagt ist, auch verwirklicht und dass man Übertretungen nicht achtlos übergeht. Es ist seine Aufgabe, auf fehlerhaftes Verhalten hinzuweisen und für Besserung zu sorgen. Was seine Befugnisse und Kräfte übersteigt, soll er dem Priester vorlegen, weil dessen Amtsautorität in bestimmter Hinsicht größer ist als seine.

3 Euer Oberer soll sich nicht deshalb glücklich schätzen, weil er kraft seines Amtes gebieten, sondern weil er in Liebe dienen kann. Aufgrund eurer Hochachtung soll er unter euch herausgehoben sein, doch aufgrund seiner Verantwortlichkeit vor Gott soll er sich als der Geringste von euch einschätzen. Allen soll er durch gute Werke ein Beispiel geben. Er soll diejenigen, die ihre Arbeit vernachlässigen, zurechtweisen, den Ängstlichen Mut machen, sich der Schwachen annehmen, mit allen Geduld haben. Er selber soll die Richtlinien der Gemeinschaft in Ehren halten und auch bei den anderen auf Beachtung drängen. Wiewohl beides in gleicher Weise nötig ist, soll er mehr darauf bedacht sein, von euch geliebt als gefürchtet zu werden. Er soll stets daran denken, dass er vor Gott für euch Rechenschaft ablegen muss.

4 Indem ihr aus Liebe gehorcht, stellt ihr unter Beweis, dass ihr nicht nur mit euch selbst Erbarmen habt, sondern auch mit eurem Oberen. Denn auch für eure Gemeinschaft gilt: Je höher einer gestellt ist, desto größer ist die damit verbundene Gefahr!

 

 

7. Kapitel

 

1 Eure Kleidungsstücke sollen durch eine oder mehrere Personen als gemeinsamer Besitz betreut werden. Deren Aufgabe ist es, sie zu lüften und auszuklopfen, damit sie nicht von Motten zerfressen werden. Wie euer Essen aus einer gemeinsamen Küche kommt, so sollt ihr eure Kleidungsstücke auch aus einer gemeinsamen Kleiderkammer erhalten. Eigentlich sollte es euch gleich sein, welche Sommer- oder Winterkleidung ihr zugeteilt bekommt. Es sollte euch nichts ausmachen, ob man euch dasselbe Kleidungsstück aushändigt, das ihr abgegeben habt, oder eins, das schon ein anderer getragen hat, wenn nur keinem Bruder verweigert wird, was er notwendig braucht. Wenn dies bei euch Eifersucht und Unzufriedenheit hervorruft oder wenn gar einer sich beklagt, dass er jetzt ein Kleidungsstück erhalten habe, das minderwertiger sei als das, was er zuvor hatte, und wenn er es unter seinem Stand fände, Kleidungsstücke zu tragen, die schon ein anderer getragen hat, wäre das keine Lehre für euch? Wenn ihr um die äußere Ausstattung eures Leibes Streit bekommt, wäre das kein Beweis, dass an der inneren Ausstattung eures Herzens noch allerhand fehlt? Aber auch wenn ihr solch eine selbstlose Einstellung nicht aufbringen könntet und man euch dadurch entgegenkäme, dass ihr die von euch selbst getragenen Kleidungsstücke wiederbekommt, dann verwahrt sie trotzdem in einer gemeinsamen Kleiderkammer, wo andere für sie sorgen.

2 Der Sinn von all dem ist: Niemand möge bei seiner Arbeit auf seinen persönlichen Vorteil bedacht sein, sondern alles geschehe im Dienst der Gemeinschaft, und zwar mit mehr Eifer und größerer Begeisterung, als wenn jeder für sich selbst und zum eigenen Nutzen arbeiten würde. Denn über die Liebe steht geschrieben, dass sie nicht ihren Vorteil sucht, das heißt: Sie stellt das Gemeinschaftsinteresse über das Eigeninteresse und nicht umgekehrt. Die Tatsache, dass ihr mehr Sorge für die Belange der Gemeinschaft als für eure eigenen an den Tag legt, ist deshalb ein Prüfstein für euren Fortschritt. So wird sich in allem, was die vergängliche Not des Menschen betrifft, etwas Bleibendes und Überragendes zeigen, nämlich die Liebe.

3 Hieraus folgt, dass ein Mitbruder, der von seinen Eltern oder Angehörigen Kleidungsstücke oder andere notwendige Dinge bekommen hat, diese nicht heimlich für sich selbst zurückbehalten darf. Er muss sie dem Oberen zur Verfügung stellen. Einmal gemeinsamer Besitz geworden, soll der Obere diese Dinge demjenigen geben, der sie nötig hat.

4 Bevor ihr eure Kleidungsstücke wascht oder in eine Wäscherei gebt, sollt ihr erst Rücksprache mit dem Oberen halten, um vorzubeugen, dass ein übertriebenes Verlangen nach reiner Kleidung euer Inneres verunreinigt.

5 Das Aufsuchen der öffentlichen Bäder darf von euch, wenn es aus Gesundheitsgründen nötig ist, niemals abgelehnt werden. Folgt in diesem Punkt ohne Widerspruch der Anordnung des Arztes; und selbst wenn ein Bruder zunächst ablehnt, soll er, notfalls auf Befehl des Oberen, trotzdem tun, was für seine Gesundheit notwendig ist. Wenn aber ein Bruder die öffentlichen Bäder nur zu seinem Vergnügen aufsuchen möchte, obwohl es die Gesundheit nicht erfordert, dann soll er von seinen Wünschen Abstand nehmen. Denn was Vergnügen bereitet, ist nicht immer angebracht, sondern kann auch schädlich sein.

6 Wie es im Einzelfall auch sein mag: Sobald ein Mitbruder sagt, dass er sich nicht wohl fühlt und Schmerzen hat, dann glaubt ihm ohne weiteres, selbst wenn die Krankheit noch nicht zum Ausbruch gekommen ist. Wenn ihr aber nicht sicher seid, ob die bevorzugte Behandlung, die er erbittet, zur Wiederherstellung seiner Gesundheit auch angebracht ist, dann fragt einen Arzt um Rat.

7 Sorgt dafür, dass ihr wenigstens zu zweit oder zu dritt seid, wenn ihr in die öffentlichen Bäder geht. Das gilt übrigens auch, wenn es nötig ist, anderswohin zu gehen. Und wählt dabei nicht selbst die Personen aus, die euch begleiten, sondern überlasst dem Oberen die Entscheidung, wer mitgehen soll.

8 Die Gemeinschaft soll einem der Brüder die Verantwortung für die Betreuung der Kranken übertragen. Der Gleiche soll sich auch um diejenigen Patienten kümmern, die auf dem Weg der Besserung sind, und um die gesundheitlich noch Schwachen, selbst wenn sie kein Fieber mehr haben. Der Krankenbruder darf für sie aus der Küche erbitten, was er für nötig erachtet.

9 Diejenigen, die mit der Sorge für die Küche, die Kleiderkammer oder die Bibliothek betraut sind, sollen ihren Mitbrüdern stets ohne Murren zu Diensten stehen.

10 Die Bücher könnt ihr täglich zur vereinbarten Zeit in Empfang nehmen. Außerhalb dieser Zeit werden sie nicht ausgehändigt, auch wenn ein Mitbruder darum bittet.

11 Wer hingegen für die Ausgabe von Kleidung und Schuhwerk verantwortlich ist, darf nicht zögern, sie zu jeder gewünschten Zeit an diejenigen auszuteilen, die sie notwendig brauchen.

 

 

8. Kapitel

 

1 Seid nie untereinander zerstritten. Sollte es doch einmal zum Streit kommen dann macht so schnell wie möglich Schluss damit. Sonst wächst der Zorn zum Hass. Dann wird ein Splitter zum Balken und macht aus eurem Herzen eine Mördergrube. Denn es steht geschrieben: ´Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder.

2 Wenn du einen Bruder verletzt hast, indem du ihn ausgeschimpft, verwünscht oder zu Unrecht schwer beschuldigt hast, dann denk daran, das Unheil, das du angerichtet hast, so schnell wie möglich durch deine Entschuldigung wiedergutzumachen; und der Bruder, der verletzt wurde, soll dir seinerseits ohne große Umstände verzeihen. Wenn sich zwei aber gegenseitig beleidigt haben, dann müssen sie sich auch gegenseitig ihre Schuld vergeben andernfalls wird euer „Vater unser-Beten zur Lüge. Übrigens, je mehr ihr betet, desto ehrlicher und aufrichtiger wird euer Gebet sein müssen. Man kann besser mit einem Bruder auskommen, der zwar schnell wütend wird, dies aber auch schnell wiedergutmacht, sobald er einsieht, dass er einem anderen Unrecht getan hat, als mit einem anderen, der weniger aufbrausend ist, der aber auch nur zögernd bereit ist, seine Entschuldigung anzubieten. Wer aber nie um Verzeihung bitten will oder dies nicht von ganzem Herzen tut, gehört nicht in ein Kloster, selbst wenn man ihn nicht aus der Gemeinschaft entlässt. Hütet euch also vor verletzenden Worten. Wenn sie doch gefallen sind, dann seid nicht bange, das heilende Wort mit demselben Mund zu sprechen, der die Verletzung verursachte.

3 Es kann jedoch vorkommen, dass die notwendige Sorge für den rechten Gang der Dinge jemanden von euch zwingt, harte Worte gegenüber Minderjährigen zu gebrauchen, um sie zur Ordnung zu rufen. In diesem Fall wird von euch nicht verlangt, dass ihr sie dafür um Verzeihung bittet, auch wenn ihr selber das Gefühl habt, dass ihr dabei zu weit gegangen seid. Denn wenn ihr euch gegenüber diesen Jüngeren durch übertriebene Demut als zu unterwürfig erweist, schadet ihr damit der Autorität, die ihnen die nötige Leitung zu geben hat und der sie sich zu unterwerfen haben. Bei solchen Gelegenheiten sollt ihr allerdings den Herrn aller Menschen um Verzeihung bitten, der weiß, wie sehr ihr auch jene schätzt, die ihr vielleicht mit zu großer Strenge behandelt habt. Eure Liebe zueinander darf nicht in der Selbstsucht stecken bleiben; sie muss sich vielmehr vom Geist Gottes leiten lassen.

 

 Übersetzung nach Tarsicius Jan van Bavel: Augustinus von Hippo – Regel für die Gemeinschaft (Augustinusverlag Würzburg).

Diese Ordensregeln wurden bereits ca. 1212 - 1215 im Lazarusorden aufgenommen und erst 1255 von Papst Alexander IV. in einer Bulle bestätigt

 Lazarus-Orden

 

 Daten zur Ordensgeschichte

 

                                                               

 Lazaruskreuz im Ursprung                                    Lazaruskreuz im Mittelalter                                               Lazaruskreuz heute

 

Frühchristliche Anfänge des Lazarus-Ordens

Nach alten Überlieferungen soll die Geburtstätte des Lazarusordens ein Lepra-Hospiz außerhalb der Mauern Jerusalems gewesen sein, welches vom Hohepriester Johannes Hyrcanus (135-105 v. Chr.) gegründet wurde. Nach Unterlagen aus dem Jahre 1343, die Johannes, Herzog von Berry (späterer französischer König Johann II), zugerechnet werden, soll das Gründungsdatum der Bruderschaft im Jahre 72 n. Chr. liegen. Die meisten Historiker sehen jedoch das Jahr 369 n. Chr. als einigermaßen fundiertes Gründungsdatum des Ordens an. Danach soll der Heilige Basilius der Große, Erzbischof von Caesarea, durch die Gründung eines Leprahauses in der Nähe von Caesarea die Grundsteine für den späteren Lazarusorden gelegt haben. Seit dem 5. Jahrhundert existierten Lepra-Hospitäler in Akkon und Caesarea, die von armenischen Mönchen nach der Regel des Heiligen Basilius geführt wurden. Das spätere Haupthaus wurde dann im Jahre 530 bei Jerusalem gegründet. Dieses Hospiz diente nicht nur der Aufnahme und Pflege von Leprakranken, sondern widmete sich generell der Wohlfahrt der Pilger im Heiligen Land. Da das Leprosorium sich in der Nähe von Bethanien, dem Ort, an dem Christus Lazarus von den Toten erweckt haben soll, befand, wurde es Lazarus-Hospital genannt. Dieses Hospital soll sich angeblich an eben jener Stätte befunden haben, an der auch das alte, von Johannes Hyrcanus gegründete Haus stand. Zu dieser Zeit standen die Lazarener-Brüder unter der Protektion des Patriarchen von Jerusalem.

Gründung des "Militärischen und Hospitalischen Ordens des Heiligen Lazarus von Jerusalem"

 

siehe auch Der Ritterorden  und Die Hospitalgeschichte

 

Nach der Eroberung Jerusalems durch die christlichen Kreuzfahrer gründete bzw. reorganisierte ein gewisser "Bruder Gerard" das Hospital des heiligen Johannes zu Jerusalem und wurde damit Begründer des Johanniterordens, einem zumindest anfangs reinen Pflegeorden mit weitreichenden caritativen Aufgaben. Bruder Gerard soll nach der Eroberung Jerusalems ebenfalls entscheidend am Ausbau und der Reorganisation des Lazarus-Hospitals beteiligt gewesen sein. Aus diesem Grunde geben einige Autoren das Jahr 1098 als Gründungsjahr des Lazarusordens an. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Ritter des Johanniterordens, des Templerordens und des Heilig-Grab-Ordens, die an Lepra oder vergleichbar schweren Krankheiten litten, dem Lazarus-Hospital unterstellt. Da die Krankheit in den meisten Fällen nur sehr langsam fortschritt und das Hospital sowohl gegen die Ungläubigen als auch gegen maraudierende Plünderer geschützt werden mußte, wandelte sich die Gemeinschaft der Ordensritter, die Lazarener, Lazariten oder auch Lazaristen genannt wurden (von dieser Bezeichnung leitet sich auch der Begriff Lazarett ab), vom reinen Pflegedienst zum Ritterorden mit militärischen Aufgaben. Deswegen legen andere Quellen das Gründungsdatum des "Militärischen und Hospitalischen Ordens des Heiligen Lazarus von Jerusalem" in das frühe 12. Jahrhundert. Sicher scheint, daß die Mönche des Lazarus-Ordens nach der Eroberung Jerusalems die Augustiner-Regel annahmen und sich unter die Protektion des römischen Papstes stellten. Aus diesem Grunde herrscht noch immer Uneinigkeit darüber, ob der Lazarus-Ritterorden als Nachfolger des nach der Regel des Hl. Basilius lebenden frühchristlichen Lazarus-Ordens - und damit als ältester Ritterorden - gelten kann oder nicht.

Sowohl in der Regel der Johanniter als auch der Tempelritter wurde festgelegt, daß Mitbrüder, die an Lepra erkrankten, den Orden verlassen und in den Lazarus-Orden eintreten sollten. Der Großmeister des Lazarus-Ordens mußte zumindest in den ersten beiden Jahrhunderten der Ordensgeschichte immer selbst ein Lepröser sein, und nach einigen Autoren sollen sich die meisten Großmeister und sonstigen Ordensgrößen aus den Reihen der Johanniter rekrutiert haben. In Ausnahmefällen wurden auch nicht an Lepra erkrankte Brüder in den Orden aufgenommen. Ähnlich wie im Johanniter-Orden gab es bei den Lazarenern Ordensbrüder, die Ritter waren, und Laien-Brüder, die als Sergeanten bezeichnet und aus der Schar der Lepra-Patienten rekrutiert wurden.

 

Der Lazarus-Orden im Heiligen Land

Der Lazarener-Orden wurde von den christlichen Königen des Jerusalemer Königreiches sehr geschätzt und unterstützt, insbesondere von König Balduin IV, der selbst an Lepra erkrankt war. Im Jahre 1143 nannte der neue Orden unter dem Patronat Königin Melisendes eine eigene Kirche und ein eigenes Ordenshaus bei Bethanien sein eigen. In der Zeit um 1155 gab es bereits neue Ordenshäuser in Tiberias und Askalon, nach einigen Quellen auch in Beirut. Die Ordensritter hatten einen guten Ruf als Streiter Gottes, so erhielten sie beispielsweise die Aufgabe, die Festungen Kharbet el Zeitha und Madjel el Djemeriah zu verteidigen. Wo auch immer die Christen gegen die Ungläubigen kämpften, war auch ein Kontigent der sogenannten "Lebenden Toten" vom Orden des Heiligen Lazarus dabei. Nach dem Fall von Jerusalem im Jahre 1187 war Saladin so beeindruckt von der Arbeit des Ordens, daß er das Lazarus-Hospital unter seinen persönlichen Schutz nahm und den Armen der Stadt erlaubte, Jerusalem durch das Lazarus-Tor zu verlassen und im Hospital Zuflucht zu suchen. Während des Waffenstillstandes zwischen Saladin und den Kreuzfahrern errichtete der Orden im Jahre 1191 seinen neuen Hauptsitz in Akkon, wo ein befestigtes Hospital und eine Ordenskirche erbaut (bzw. übernommen, s. o.) wurden. Außerdem übernahmen die Lazarener den Lazarus-Turm und die Lazarus-Kirche bei Caesarea. Mit dem Wiederaufflammen des Krieges zwischen den Christen und den Moslems verdienten sich die Lazarener wiederholt Lorbeeren für besondere Tapferkeit in der Schlacht. Viele Ordensritter fanden in der Schlacht von Gaza 1244 den Tod. Der klägliche Rest der Ordensritter begleiteten Ludwig IX von Frankreich auf seinem Ägypten-Feldzug und seinen Syrien-Expeditionen (1250-1254). Im Jahre 1255 erkannte Papst Alexander IV den Orden unter der Augustiner-Regel an. Urban IV sicherte den Lazarenern 1262 die selben Privilegien wie den anderen Ritterorden zu. Seit 1265 bestand dann sogar eine kuriale Anordnung Clemens IV, wonach alle Leprakranken der Aufsicht des Lazarus-Ordens unterstellt wurden. Als im Jahre 1291 Akkon an die Moslems fiel, mußte der Lazarener-Orden das Heilige Land verlassen. Nach dem Fall von Akkon verlegte der Orden seinen Sitz erst nach Zypern und später nach Sizilien, wo entsprechende Hospitäler errichtet wurden. In späteren Zeiten entwickelten die Lazarener ähnliche Aktivitäten wie die Johanniter und widmeten sich mit ihrer Flotte der Sicherung des Mittelmeeres gegen die türkische Flotte und maraudierende Piraten.

 

Der Lazarus-Orden in Europa

Schon bevor der Orden das Heilige Land verlassen mußte, hatten einige Brüder sich in Europa niedergelassen. Sie gründeten Hospitäler und Ordenshäuser in ganz Europa. Die berühmtesten waren die Häuser in Boigny und Capua. Das Schloß Boigny bei Orléans wurde dem Orden von Ludwig VII von Frankreich im Jahre 1154 geschenkt, der von der Arbeit des Ordens im Heiligen Land beeindruckt war und dieses Werk in seinem eigenen Land fortgesetzt sehen wollte, da Lepra zu dieser Zeit in Frankreich weit verbreitet war (allein in Frankreich soll es zu dieser Zeit 800 Leprosorien gegeben haben). Er übergab das Schloß 12 Ordensbrüdern, die ihm aus dem heiligen Land nach Frankreich gefolgt waren. Das Haus in Capua wurde im Jahre 1211 gegründet und von Friedrich II unterstützt. In England entstand während der Herrschaft Heinrichs II ein Ordenssitz in Burton Lazars (1135), gegründet von Roger de Mowbray; in Schottland wurde der Hauptsitz des Ordens unter Alexander II in Linlithgow um 1230 etabliert. In der Schweiz entstand ein Männerkonvent in Seedorf (1184) und das Frauenkonvent entstand um 1200, in Deutschland wurde das Hospital der Hl. Magdalena in Gotha gegründet, und es entstand auch ein Ordenssitz in Ungarn. Bis auf das Haus in Capua waren die restlichen Ordenshäuser dem Ordenshaus von Boigny untergeordnet. Jedes einzelne Ordenshaus war autonom und wurde zum größten Teil von den leprakranken Insassen getragen, die bei Eintritt in den Konvent ihre weltlichen Güter dem Ordenshaus vermachten. Im 14. Jahrhundert gelang es - vor allem auch durch die Arbeit des Lazarus-Ordens in den Leprosorien - die Verbreitung der Lepra in Europa zurückzudrängen. Dadurch wurde der Lazarus-Orden immer mehr zu einer rein militärischen Organisation. Im Jahre 1498 versuchte Papst Innozenz VIII (und später auch Papst Julius II, 1505), den Orden des Heiligen Lazarus aufzulösen und dem Johanniter-Orden anzugliedern. Nach fast einem halben Jahrhundert des passiven Widerstandes gaben die Lazarener schließlich im Jahre 1557 nach und wurden fortan vom Großmeister der Johanniter geleitet (aber nur in Deutschland wurden einige Einrichtungen der Lazarener von den Johannitern übernommen). Durch diese Zwistigkeiten kam zu einer Spaltung des Lazarus-Ordens in zwei eigenständige Priorate: das Priorat von Capua, dem auch die sizilianischen Ordenshäuser angehörten, und das Priorat von Boigny mit seinen untergeordneten europäischen Ordenshäusern. In England und Schottland wurde der Orden im Jahre 1554 aufgelöst, in Frankreich blieb er jedoch erhalten. Der Lazarus-Orden in Capua wurde im 16. Jahrhundert mit dem St.-Mauritius-Orden zusammengelegt, während er in Frankreich mit dem Orden-Unserer-Lieben-Frau-vom-Berg Carmel fusionierte.

 

 

 

 schematische Rekonstuktionsskizze des Lazarusklosters in Seedorf (Schweiz)

Tracht

Die Lazarener trugen anfangs wie die Augustiner-Eremiten ein schwarzes Habit und einen schwarzen oder dunklen Mantel ohne weitere Insignien. Seit Anfang des 12. Jahrhunderts, (wahrscheinlich seit der Zeit, als Raymond du Puy, der zweite Großmeister der Johanniter, Großmeister der Lazaristen geworden war) sollen die Lazarener in Palestina und später auch in Europa dann ein einfaches oder ein getatztes grünes Stoffkreuz auf der Brust des schwarzen Habits bzw. auf der linken Schulter ihres Mantels getragen haben, um sich von den Angehörigen der anderen geistlichen Ritterorden zu unterscheiden. Die grüne Farbe des Kreuzes wird unterschiedlich interpretiert: während einige Autoren dies als Herausforderung an die moslemischen Feinde verstanden wissen möchten (grün war die traditionelle Farbe des Propheten Mohammed), sehen andere Quellen diese Farbwahl im Gegenteil als Zeichen des Respekts und der Dankbarkeit gegenüber der bereits erwähnten Großzügigkeit, die Saladin den Lazaristen und ihren Anhängern erwiesen hatte. Andererseits soll grün auch die traditionelle Farbe von Hospitälern gewesen sein.

Nach und nach setzte sich die Millitarisation des Lazarusordens durch. Templer, die in den Lazarusorden eintraten, erhielten die Kleidung der Lazarusritter, den schwarzen Mantel, den weißen Skapulier über dem Kettenhemd mit dem grünen Kreuz durften sie weiterhin tragen, blieben aber auch nach wie vor ihrer eigenen Regeln treu.

Aus einer Regel des Ordenshauses in Seedorf aus dem Jahre 1314 weiß man, daß die Brüder zu dieser Zeit ein einfaches quadratisches grünes Kreuz trugen. Durch den Bericht über den Besuch König Karls VI (1419) in Boigny ist bekannt, daß zu dieser Zeit nicht nur die Ordens- und Laienbrüder das grüne Kreuz trugen, sondern auch die Domestiken und Diener des Ordens. Im 15. Jahrhundert veränderte sich die Form des dann getragenen lateinischen oder griechischen Kreuzes graduell, indem die Balken des Kreuzes mehr oder weniger stark geteilt wurden. Nach der Fusion mit dem Johanniter-Orden 1556 nahmen die Lazarener die Kreuzform der Johanniter an und konnten entweder das weiße oder das grüne Kreuz tragen. Später wurden die beiden Kreuzfarben dergestalt kombiniert, daß die Lazarener ein weißes Malteserkreuz mit einer grünen Bordüre trugen (nach anderen Quellen soll dieses grün-weiße Kreuz allerdings nur der Großmeister getragen haben).

 

 

Zeitgenössische Darstellung eines Lazarusritters

 

Ordensgebet

 

 

Herr Jesus, der Du uns gerufen hast, Dir zu dienen und Dich zu erkennen
und in Deinem Namen im Orden des Heiligen Lazarus zu wirken,
empfange zunächst den tiefsten Ausdruck unserer Dankbarkeit
für diese große Auszeichnung.
Laß uns durch Deine unendliche Güte untereinander einig sein,
laß unser Verlangen, Dir zu dienen, nie vergehen
und laß uns immer die hohen Ideale des christlichen Rittertums erstreben.
Wir bitten,
dass die Heilige Jungfrau über die Einheit des Glaubens wache,
dass der Heilige Lazarus, unser Freund und Schutzherr,
alle Beschützer unseres Ordens und die Brüder unserer Religion
uns so erleuchten, dass wir nie verfehlen,
die uns auferlegte Berufung und Pflicht, zu erfüllen.
Bewahre uns vor Furcht und Zweifel.
Mache uns allzeit bereit für gute Werke.
Auf dass die Einheit der Kirche, die Aufrechterhaltung des Christentums
und die Sorge für die Aussätzigen, Kranken und Hilfsbedürftigen
immer Gegenstand unseres Strebens sei. Amen.

 

 

 Quelle: st-lazarus-orden.de

Die Lepra und ihre Folgen im Mittelalter

 

Copyright © 2011 Monachus 



nPage.de-Seiten: 2-Zimmer Ferienwohnung Ostsee | Holt euch euer Geld, klickt durch